AK Sinti/Roma und Kirchen

in Baden-Württemberg

2018: Newess

2018
Zentralrat Deutscher Sinti & Roma
Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma
Quelle:  Newess 2018  (http://www.sintiundroma.de/uploads/media/Newess_2018_online_2.pdf)


Newess:  Schwerpunkt Antiziganismus und Film

newess2018 titelAus dem Geleitwort. Von Romani Rose

Sie halten die aktuelle Ausgabe unseres Magazins Newess in den Händen, das in diesem Jahr erstmals in einem neuen Format erscheint. Der römische Epiker Ovid formulierte einmal den Sinnspruch „Jegliches wechselt, doch nichts geht unter.“ Getreu diesem Motto dürfen Sie auch in diesem Heft mit überarbeitetem Design wieder vielseitige Berichte und Artikel aus der täglichen Arbeit des Dokumentationszentrums und des Zentralrats erwarten. „Antiziganismus und Film“ war der Titel der ersten internationalen Tagung zu diesem Thema, die das Dokumentationszentrum und der Zentralrat im Februar in Berlin organisierten, und ist gleichzeitig der thematische Schwerpunkt dieses Heftes. Zahlreiche Filmproduktionen transportieren durch stereotype Darstellungen von Angehörigen unserer Minderheit antiziganistische Vorurteile. Dem gilt es durch stetige Aufklärung entgegenzuwirken und an die Verantwortung der Filmemacher zu appellieren. Denn diese haben die Macht, durch ihre Arbeit Menschenrechte und Bürgerrechte zu stärken und dazu beizutragen, dass Minderheiten anerkannt werden. Wir berichten kritisch über die aktuelle Debatte um erweiterte DNA-Analysen in kriminalpolizeilichen Ermittlungen in Deutschland, über antiziganistische Hetze in Europa angesichts der bevorstehenden Europawahlen und über die Behandlung des Themas „Sinti und Roma“ in aktuellen Schulbüchern. Ein historischer Tag war für unsere Minderheit die Unterzeichnung der Bund-Länder-Vereinbarung zum Erhalt der Grabstätten NS-verfolgter Sinti und Roma im Dezember in Berlin. Wir stellen Ihnen aktuelle Neuerscheinungen vor und geben Ihnen einen Überblick über die kulturellen Höhepunkte des vergangenen Jahres mit Konzerten, Ausstellungen und Lesungen. Auch unsere Mitgliedsverbände bekommen wieder Raum, um Sie über die Erfolge ihrer Arbeit zu informieren. Ich wünsche Ihnen viele spannende Eindrücke beim Lesen. Bleiben Sie uns verbunden.


Inhaltsverzeichnis:

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Der Leitartikel dieser Ausgabe:

Mit freundlicher Erlaubnis

Antiziganismus und Film

Seit der Erfindung des Kinos sind Sinti und Roma Thema von Filmproduktionen. Dabei wurde die Darstellung der Minderheit in Filmen schon immer durch die Reproduktion von Vorurteilen und durch stereotype „Zigeuner“-Bilder dominiert.

Auch aufwendige und sehr erfolgreiche Kinoproduktionen wie „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (2011) oder „Chocolat – Ein kleiner Biss genügt“ (2001) bemühen antiziganistische Stereotype. Wie in einer Konferenz der Forschungsstelle Antiziganismus der Universität Heidelberg mit dem Titel „Visuelle Dimensionen des Antiziganismus“ im November 2018 gezeigt wurde, ist die immer wiederkehrende Herstellung von Vorurteilen und Klischees seit der Ära der Stummfilme ein fester Bestandteil der deutschen und der internationalen Filmbranche. Erinnert sei an dieser Stelle auch an die kontroversen Diskussionen zu den Tatort-Folgen „Armer Nanosh“ (1989) und auch an die langjährige und gerichtsnotorische Auseinandersetzung um Leni Riefenstahls Film „Tiefland“ (1954), der aber in den Jahren von 1940 bis 1944 (!) gedreht wurde und bei dem von Riefenstahl Sinti und Roma aus NS-Konzentrationslagern als Komparsen eingesetzt wurden, die nach Abschluss der Dreharbeiten in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurden. Dass schon frühzeitig auch mit Klischees und Stereotypen produktiv gespielt und Vorurteile so gebrochen werden konnten, zeigt der Film „Golden Earrings“ (1947) mit Marlene Dietrich, die hier eine klassische „Zigeuner“-Figur verkörpert, die einen englischen Agenten im Kampf gegen die Nazis unterstützt. Ebenso gilt, dass gutgemeinte Filme nicht notwendigerweise dazu beitragen, antiziganistische Bilder zu überwinden. Der polnische Film „Papusza“ (2013), der das Leben der Roma-Dichterin Bronisława Wajs zeigt, reproduziert doch wieder derartige traditionelle Vorstellungen, obwohl der Film eigentlich über ausbeuterische Perspektiven wie etwa von Kusturicas Filmen wie „Time of the Gypsies“ (1988) oder „Schwarze Katze, weißer Kater“ (1998) hinausgehen will.

Zugleich ist zu betonen, dass gerade in den letzten Jahren einige Filmbeiträge entstanden sind, die sich reflektiert mit der Darstellung von Sinti und Roma auseinandersetzen. Filme wie „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“ (2014), „Just the wind“ (2013) oder „Aferim!“ (2015) wurden auf den großen Filmfestspielen mit Preisen ausgezeichnet. Besonders „Revision“ (2012) von Philip Scheffner sowie „And Ek-Ghes … – Eines Tages …“ (2016), eine gemeinsame Produktion von Philip Scheffner und Colorado Velcu, sind hier positiv her- vorzuheben. „And  Ek-Ghes …“ kann auf der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung unter www.bpb.de/ mediathek/239928/and-ek-ghes-eines- tages angesehen werden.

Jüngste Debatten

In den vergangenen eineinhalb Jahren hat der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma kritische Debatten zu gleich zwei aktuellen Kinoproduktionen angestoßen, die eine große öffentliche Aufmerksamkeit erfahren haben.

Erstens kritisierte der Zentralrat den Kinderfilm „Nellys Abenteuer“, der mit über 950.000 Euro aus öffentlichen Geldern mitfinanziert und im SWR so- wie im Kinderkanal von ARD und ZDF ausgestrahlt wurde. Der Film ist nach Einschätzung des Zentralrats in keiner Weise geeignet, über die Lage von Sinti und Roma in Deutschland oder in Rumänien zu informieren, vielmehr produziert und reproduziert der Film alle klassischen antiziganistischen Stereotype. Diese ungebrochene Darstellung von Stereotypen macht den Film völlig ungeeignet für die Zielgruppe von Kindern und Jugendlichen. Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) hat den Film für Kinder ab sechs Jahren freigegeben.

Die Darstellungen im Film sind nahezu ausnahmslos orientiert an den gängigen Klischees und Stereotypen, wie sie grundlegend für die Diskriminierung von Sinti und Roma sind.  Gutachten  von Medienexperten, unter anderem von Professor Dr. Urs Heftrich von der Universität Heidelberg und Pavel Brunßen von der Technischen Universität Berlin, haben  diese Einschätzung  bestätigt.  Im November 2017 wurde vom SWR daraufhin ein kritisches Fernsehgespräch ausgestrahlt, in dem der Zentralrat seine Kritik an dem Film einer breiten Öffentlichkeit gegenüber deutlich machen konnte. Ziel war es, im Kontext der staatlichen Filmförderung ein Verantwortungsbewusstsein in Bezug auf den Schutz vor rassistischer Stigmatisierung und Diskriminierung der Minderheit der Sinti und Roma zu schaffen.

Der Kinderkanal KIKA signalisierte – und das ist der erfreuliche Teil der deutlichen Kritik des Zentralrats an dem Film – Verständnis für dessen Position. Auch der SWR wird in Zukunft sicher reflektierter mit dem Thema umgehen, nachdem Jacques Delfeld, Vertreter des Verbands Deutscher Sinti und Roma Rheinland-Pfalz im Rundfunkrat des SWR, dort dieses Thema nachdrücklich auf die Tagesordnung gesetzt hatte.

Zweitens löste der französische Film „Àbras ouverts“ („Hereinspaziert“, 2017), eine zutiefst rassistische Komödie über rumänische Roma in Frankreich, bereits Anfang des Jahres in Frankreich eine Debatte über Rassismus im Kino aus und wurde nach seiner Ausstrahlung in Deutschland und Österreich auch hier kontrovers diskutiert. Der Zentralrat wandte sich mit einer kritischen Pressemitteilung an die Öffentlichkeit und bat die Universum Film GmbH in einem Schreiben darum, mit Blick auf den massiv antiziganistischen Gehalt des Films von einem Vertrieb in Deutschland abzusehen.

Internationale Filmtagung zum Thema Antiziganismus

Da es bisher an theoretischen Grundlagen fehlte, auf deren Basis sich die Antiziganismusforschung sowie die Filmwissenschaften kritisch mit den Themen „Roma“ und „Antiziganismus“ im Film auseinandersetzen konnten, organisierte der Zentralrat im Februar 2018 in Berlin die erste internationale Konferenz zu dem Thema. Bei der Tagung mit dem Titel „Ethik des Filme

In ihrem Einführungsvortrag zur Tagungzeigte Radmila Mladenova genau diese Mechanismen als „Technologie der Wahrheitsproduktion“ auf. Durch die Beteiligung „echter“ Roma – wie gerade im Film „Nellys Abenteuer“, aber auch in dem mit internationalen Preisen und einer Oscar-Nominierung geehrten Film „Ich traf sogar glückliche Zigeuner“ (1967) von Aleksandar Petrović   – werde eine scheinbare „Wahrheit“ produziert, die Roma ausschließlich als Objekte benutzt. Damit werde die Grenze zwischen Spielfilm und Dokumentarfilm aufgehoben und die Kunstfigur  „Zigeuner“ als die eigentliche realistische Figur präsentiert.

Bis heute folgen Filmemacher den von Nestler beschriebenen Mechanismen und bestätigen die altbekannten Vorurteile – der bereits erwähnte Film „Nellys Abenteuer“  ist auch deshalb ein bemerkenswertes Beispiel für den tiefverwurzelten Antiziganismus, weil er das sehr alte Bild vom „Kindesraub“ in moderner Form bedient.

Dass auch andere Spielfilme mit und über Sinti und Roma gemacht werden können, zeigt „Eine Braut kommt selten allein“ (2017). Der Film, dessen Hauptdarsteller Paul Würdig (auch bekannt als der Rapper Sido) und insbesondere die Regisseurin Buket Alakuş und die Drehbuchautorin Laila Stieler wurden von Romani Rose gewürdigt: „Endlich ein Film, der mit Klischees auf angemessene Weise umgeht, indem er nämlich mit ihnen spielt und sie so negiert.“

 

 

 

 

 

 

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