AK Sinti/Roma und Kirchen

in Baden-Württemberg

Veröffentlichungen

2020: Newess 2019

2020
Quedlle:  https://zentralrat.sintiundroma.de/newess-2019/


Newess 2019 - Magazin des Zentralrats Deutsche Sinti und Roma

Newess 2019 online 1
Eine sehr interessante und wichtige Sammlung von Nachrichten, Anregungen und Kontaktmöglichkeiten. Vier Artikel kreisen um den Schwerpunkt des Magazins: "ERINNERN" AN DEN NATIONALSOZIALISMUS.
Sie können sich das ganze Heft hier herunterladen.

 Das Heft wird herausgegeben vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg gemeinsam mit dem Dokumentationszentrum:

"Seit Dezember 2018 geben der Zentralrat und das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma das jährlich erscheinende Magazin Newess gemeinsam heraus. Der Newess (was auf Romanes „Neuigkeiten“ bedeutet) informiert in der Form eines Jahresrückblicks über die Arbeitsschwerpunkte beider Institutionen. Darüber hinaus werden Artikel mit tiefergehenden Analysen aktueller politischer Themen zu ausgewählten Themen veröffentlicht. Der Newess ermöglicht auch den Landes- und Mitgliedsverbänden, die dem Zentralrat angeschlossen sind, über die Schwerpunkte ihrer Arbeit zu berichten." (siehe Webpage)

 

Wir drucken nur den Leitartikel hier ab und bitten den geneigten Leser, die Webpage des Zentralrates zu öffnen. 
(Mit freundlicher Erlaubnis des Herausgebers)

Newess2019 inhalt1 Newess2019 inhalt2


„ ERINNERN“ AN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Zwischen „Erinnerungskultur“ und gesellschaftlicher Herausforderung

Andreas Pflock, Wissenschaftlicher Mitarbeiter

27. Januar – 8. Mai – 20. Juli – 2. August – 1. September. Vom Gedenktag für die NS-Opfer, dem Jahrestag des Attentats auf Hitler, dem Gedenktag an die Ermordung der letzten rund 4300 Sinti und Roma in Auschwitz bis zum Jahrestag des Überfalls auf Polen und der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs: Wir werden gegenwärtig mit einem wahrhaften Marathon „runder Gedenktage“ konfrontiert. Er wird mit den 75. Jahrestagen der Befreiung der Konzentrationslager und des Kriegsendes noch weiter fortlaufen. Doch laufen diese Tage mit uns oder an uns vorbei? Begleitet von medialen Berichterstattungen, die von „Hitlers Helfern“ bis zum Massenmord in Auschwitz kaum einen Aspekt unbeleuchtet belassen, haben wir all das seit einiger Zeit in die wohlklingende Hülle der „Erinnerungskultur“ gepackt. Ein Begriff, mit dem sich auskommen lasst, fordert er doch wenig von uns. Wir müssen nicht mehr gedenken, wir werden nicht mehr gemahnt und auch für die Auslöschung hunderttausender Menschenleben in den Erschießungsgruben gibt es inzwischen Umschreibungen, die es uns leichter machen, den Massenmord an Männern, Frauen und Kindern zu ertragen: „Holocaust durch Kugeln“. Ein wohltuender „Erinnerungsstolz“ geht mit der „Zufriedenheit der Politik“ und der Überzeugung „Wir haben es geschafft!“ einher, wie Gunter Morsch, langjähriger Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstatten, kritisierte. Viel zu selten werden Begriffe und Sachverhalte kritisch hinterfragt oder kontrovers diskutiert, obwohl gerade dies die Möglichkeit bieten konnte, unsere Standpunkte zur Zeit des Nationalsozialismus zu hinterfragen, zu definieren und die in unsere Gegenwart verweisenden Linien zu erkennen. Zwischen den runden Jahres- und Gedenktagen erscheint es daher angebracht, die aktuellen Formen unserer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zu hinterfragen.

 

»Das Wichtigste meiner Meinung nach ist das Verständnis der eigenen Verantwortung. Gerade wenn man sich die NS-Zeit anguckt, sollte, finde ich, jeder den Schluss ziehen, dass so etwas verhindert werden muss, und man im Notfall auch selbst dafür einsteht, statt nur auf Twitter oder Facebook AntifaPosts zu liken.« Jakob Höhl, Schüler

Was ging unserem gegenwärtigen „Erinnern“ voraus? Erst in den 1980er-Jahren erfolgte eine zunehmende Auseinandersetzung mit den bis dahin politisch wie gesellschaftlich verdrängten Verfolgtengruppen. Vergessen und verdrängt wurden auch – bis auf vereinzelte Ausnahmen – die Orte der Verbrechen, die ehemaligen Konzentrationslager und die Orte der Schreibtischtäter. Nicht selten waren sie vom Verfall bedroht. Die Forderung von Überlebenden der NS-Verfolgung, ihren Nachfahren und zivilgesellschaftlichen Initiativen nach einer Auseinandersetzung mit der NS-Zeit sowie dem Erhalt der historischen Stätten wurde vielerorts zur offenen Konfrontation mit Gesellschaft und Politik. Die Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma war Teil dieser Entwicklung und konnte nach Jahrzehnten, in denen der Völkermorde geleugnet und aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt worden war, einen gesellschaftlichen und politischen Bewusstseinswandel herbeiführen. Erst in den 1990er-Jahren nahm die Akzeptanz der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit deutlich zu. Nach der Wiedervereinigung entwickelte sich ein – vor allem opferzentrierter – Aufarbeitungskonsens zum heute selbstverständlichen Fundament dessen, was aktuell häufig mit dem smarten Begriff „Erinnerungskultur“ zusammengefasst wird.

Der Zentralrat und das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma setzen sich gemeinsam mit ihren Mitgliedsverbanden bis heute für die Rechte der Minderheit und für die Aufarbeitung des Völkermords ein. Im Prozess dieser Anerkennung, Aufarbeitung und Auseinandersetzung entstanden bundesweit rund 150 Erinnerungszeichen im öffentlichen Raum. Eines der frühesten ist der 1950 auf dem Singener Waldfriedhof errichtete Gedenkstein, der an 14 örtliche Opfer des Nationalsozialismus erinnert, darunter auch an die Familie des Sinto Johann Winter und seiner Frau Philippine. Es war einer der wenigen Orte, an denen Sinti und Roma nicht als Opfer ausgegrenzt und verschwiegen wurden, sondern ihrer als Teil der örtlichen Gesellschaft gedacht wurde. Seit den 1980er-Jahren entstanden und entstehen vor allem durch das Engagement der Landesverbände Gedenkorte von Kiel bis München und von Trier bis Neustrelitz. Eine erinnerungspolitische Zäsur stellte die Einweihung des Berliner Denkmals für die ermordeten Sinti und Roma Europas am 24. Oktober 2012 dar. Erfreulicherweise setzte sie keinen Schlusspunkt, denn bis heute entstehen weiterhin vielfaltige Zeichen, die an die Verfolgung der Sinti und Roma erinnern, wie z. B. eine Straßenbenennung nach Berta Weis in Hannover oder die Verlegung von Stolpersteinen in Halle. Dahinter steht ein gesellschaftliches Engagement, dem ein Begriff wie „Erinnerungskultur“ nur schwer gerecht werden kann. Was dort auf lokaler Ebene geschieht, ist weit mehr, als der Begriff implizieren kann: nicht EINE kollektive Erinnerung, sondern die vielfaltige Aufarbeitung der heterogenen Zusammenhänge und Ereignisse. Sie widmet sich lokalen Einzel- und Gruppenschicksalen, den Fragen nach Tätern und Zuschauenden sowie der Verstrickung von Behörden und Verwaltungen in die NS-Verbrechen.

 

»Erinnerung wird von Menschen gemacht. Wenn wir mit Respekt vor den Opfern und mit dem Anspruch, einen zweiten Holocaust zu verhindern, an Gedenkstätten, Unterricht und andere Formen der Erinnerung herangehen, dann wird es nicht zu einer Banalisierung kommen.« Marco la Licata, Student

Neben den Gedenkorten ist die Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma Teil in zahlreichen Ausstellungen. In KZ-Gedenkstatten wie Dachau und Sachsenhausen oder im Deutschen Historischen Museum wird sie im jeweiligen spezifischen Kontext des Ortes aufgezeigt. Mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum in Heidelberg hat sich zudem in über 20 Jahren jene Einrichtung etabliert, von der bis heute zentrale Impulse für die europäische Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen ausgehen, nicht zuletzt durch die seit 1997 eröffnete und damals weltweit erste Dauerausstellung. Neben der 2001 im Museum Auschwitz eröffneten Dauerausstellung mit europäischem Fokus wurden transportable Ausstellungen zu wichtigen Mitteln, um national wie international die Aufklärungsarbeit über den Völkermord zu verstärken. Neben dem Dokumentationszentrum Deutscher Sinti und Roma verfugen auch die Landesverbände z. B. in Baden-Württemberg, Berlin-Brandenburg, Hessen und Rheinland-Pfalz über eigene Ausstellungen mit landesspezifischem Bezug. Auch wenn das Wissen um die Geschichte der Sinti und Roma und ihre Verfolgung in der NS-Zeit die gewünschte Breite und Qualität noch nicht erreicht hat, so ist die Auseinandersetzung mit dem staatlich organisierten Verbrechen doch im politischen und gesellschaftlichen Bewusstsein angekommen.

Und dennoch nehmen die Bedenken zu, die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus erreiche immer weniger Menschen. Manch einer sieht die Ursache in einer überstrapazierten, allgegenwärtigen Konfrontation mit der Thematik, manch anderer in der globalen Erklärung, gerade junge Menschen wurden sich nicht mehr für Sachverhalte interessieren, die „gefühlte Jahrhunderte“ zurücklagen. Möglicherweise ist es aber gerade die „Erinnerungskultur“ selbst, die anstelle der notwendigen, selbstreflektierten und gegenwartsbezogenen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus einen „neuen“ Prozess des Vergessens fordert. Gilt es nicht stärker zu hinterfragen, dass man etwas nur erinnern kann, was man selbst oder allenfalls noch die Großeltern erfahren und erlebt haben? Und: Gibt es tatsächlich nur diese eine, uniforme „Kultur“ des „Erinnerns“, und am Ende nur noch eine gemeinsame europäische und nicht viele in sich heterogene und differenzierte „Erinnerungen“? Und was macht eine „Erinnerungskultur“ mit Jugendlichen, deren berechtigte Frage die Dimension des Begriffs sprengt: „Was hat das mit mir zu tun?“

Die Antwort darauf zu suchen und den oft geforderten Gegenwartsbezug herzustellen, ist ebenso simpel wie naheliegend: Auf der Basis unseres historischen Urteilsvermögens können und sollen wir unsere Haltungen in der Gegenwart selbstkritisch hinterfragen und auf den Prüfstand stellen. Stärker kann ein Aktualitätsbezug gar nicht sein, doch er bedarf Anstrengungen und ist am Ende womöglich spürbar unangenehm. Sollte uns der Anblick der konservierten Verbrechensrelikte in Auschwitz als Mensch und als Menschheit nicht einen Spiegel vorhalten? Einen Spiegel, in dem wir uns in der Gegenwart sehen und möglicherweise dabei aufschrecken, weil sich plötzlich Fragen aufdrängen: Wo liegen unsere Verantwortungen im Heute? Wo schauen wir weg? Wo sind wir bequem? Wo vergeuden wir wissentlich, aber gnadenlos Ressourcen oder nehmen z. B. Ausbeutung anderer Menschen und Kinderarbeit in Kauf, um selbst unsere Konsumlust auszuleben? Wie steht es um unseren Respekt voreinander und unsere Solidarität miteinander? Wie steht es um unseren Respekt der Umwelt und allem Leben gegenüber?

Die Antworten darauf können unbequem sein, und die dafür notwendige, aktive und gegenwartsbezogene Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus anstrengender als das Wiederholen der einstudierten Formeln und Formen der „Erinnerungskultur“. Vielleicht verbirgt sich dahinter auch das, was die Überlebenden uns als „Vermächtnis“ mit auf den Weg geben wollen.

In diesem Sinne gegenwartsbezogene Formen der Auseinandersetzung anzuregen ist Anliegen des Dokumentationszentrums. Sei es durch Schulkooperationen, die dazu beitragen, nachhaltige Bildungsformate und Projekte zu entwickeln und die Kooperationspartner in ein Verhältnis zueinander zu setzen, das weit über den gelegentlichen Besuch hinausgeht. Sei es durch die Vorbereitung angehender Lehrkräfte auf die Einbindung von Gedenkstätten und Gedenkorten als auserschulische Bildungsorte. Sei es durch die Schaffung von Begegnungen mit Zeitzeugen und Lebenserfahrungen, die Diskussion über den Nationalsozialismus mit Schüler/-innen und Studierenden auf Augenhöhe oder die Entwicklung von Vermittlungsansätzen für breite Teile der Gesellschaft mit unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen. Die Nutzung medialer Zugänge stellt dabei eine wichtige, aber keineswegs die einzige Vermittlungsform dar. Im Gegensatz zu der häufig anzutreffenden Meinung, Medieninstallationen seien quasi der zwingend erforderliche und einzige Zugang für Jugendliche zur Geschichte (also: Jugendliche = Medien), stehen die Erfahrungen aus der alltäglichen Arbeit und dem Dialog mit Jugendlichen. Fur sie geht es vielfach eher darum, der NS-Geschichte nachvollziehbarer begegnen zu können. Nachvollziehbar bedeutet hier keineswegs nacherlebbarer, wie z. B. durch digital gesteuerte virtuelle Zeitzeugenbegegnungen im Klassenzimmer. Vielmehr geht es auch hier darum, Geschichte mit dem eigenen Lebens- und Erfahrungshorizont in Beziehung setzen und eigene aktuelle Fragen bei der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wiederfinden und aufgreifen zu können. All dies kann unsre ethischen und demokratischen Werte ebenso wie das gesellschaftliche „Erinnerungs“-Engagement fordern und dazu anspornen, starker eigene Verantwortung für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zu spüren und zu übernehmen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Externer Link zum Verband Deutscher Sinti und Roma

Externer Link zum Zentralrat Deutscher Sinti und Roma

Externer Link zuRomnoKher