AK Sinti/Roma und Kirchen

in Baden-Württemberg

Romno Kher in Mannheim

Erbach bei Ulm: Brandanschlag am 25.05.2019

Erbach-Dellmensingen bei Ulm.  25.05.2019
Übermittelt vom Verband Deutscher Sinti und Roma in BW (Mannheim)

ANTIZIGANISTISCHER BRANDANSCHLAG AUF EINE SINTI-FAMILIE

Pressemitteilung vom 10.07.2019
Ermittlungserfolg...
"...Nach einem antiziganistischen Brandanschlag am 24. Mai 2019 auf eine Sinti-Familie, die sich in Erbach-Dellmensingen aufhielt, wurde gestern bekannt, dass acht Tatverdächtige vorläufig festgenommen wurden. Die Tatverdächtigen sind zwischen 16 und 20 Jahre alt. Die Polizei durchsuchte am Dienstag mehrere Wohnungen in Erbach und Blaustein. Gegen zwei der Beschuldigten bestand bereits ein Haftbefehl. Vier der Beschuldigten werden heute dem Haftrichter vorgeführt. Bei einem weiteren wird derzeit noch geprüft, ob dieser heute ebenfalls dem Haftrichter vorgeführt wird...."
Ermittlungserfolg nach antiziganistischem Brandanschlag


Pressemitteilung 11.06.2019

Wie kürzlich bekannt geworden, erfolgte ein schockierender rassistisch motivierter Brandanschlag am 25.5.2019 in Erbach-Dellmensingen, Nähe Ulm. Wie das Polizeipräsidium Ulm mitteilte, kam es kurz nach 23 Uhr zu einem Brandanschlag auf eine Familie französischer Sinti am Ortsrand von Erbach-Dellmensingen. Eine unbekannte Gruppe rief antiziganistische Parolen aus einem dunklen Kleinwagen und schleuderte eine brennende Fackel auf die Wohnwagen der Familie. Die Täter konnten unerkannt entkommen. Glücklicherweise kam die Familie mit dem Schrecken davon, die brennende Fackel verfehlte knapp ihr Ziel und konnte keinen Schaden anrichten. 

„Ich bin sehr bestürzt über den Anschlag. Wir werden alles dafür tun, die Familie zu unterstützen.“Daniel Strauß, Vorstandsvorsitzender des VDSR-BW.

Kerstin Müller, LEUCHTLINIE Beratung für Betroffene rechter Gewalt in Baden-Württemberg, in deren Beirat auch der VDSR-BW vertreten ist:

„Betroffene von rechter Gewalt und oft auch ihr soziales Umfeld benötigen besondere Hilfe bei der Bewältigung von psychischen, physischen und materiellen Schäden. Auch die Benennung der Tat als rassistisch, antisemitisch oder antiziganistisch spielt für Betroffene und für den gesellschaftlichen Kontext eine zentrale Rolle. Für unsere Arbeit ist es wichtig, dass Polizeibeamt*innen bereits vor Ort die Betroffenen auf das spezifische Beratungsangebot hinweisen. Wir klären, ob dies im konkreten Fall stattfand.“

Dr. Michael Blume, Beauftragter der Landesregierung gegen Antisemitismus, sagte gegenüber dem VDSR-BW:

„Wir stellen leider fest, dass sich die Verschwörungsmythen von Antisemitismus, Rassismus und Antiziganismus wieder verschränken. So werden Roma und Sinti im Netz wieder beschimpft und beschuldigt, Teil der angeblichen Umvolkung zu sein. Ich rufe daher dringend dazu auf, gegen die Verrohung aus dem Netz vorzugehen und auch die Gefahr des Antiziganismus lauter als bisher zu benennen!“

 

Gewalttätige Angriffe auf Sinti und Roma nehmen europaweit zu. Die Leipziger Autoritarismus-Studie von 2018 stellt fest: „Die Abwertung von Sinti und Roma […] nimmt kontinuierlich zu“(Oliver Decker, Elmar Brähler (Hg.): Flucht ins Autoritäre: Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft, Gießen 2018, S.18.). Der Leipziger Studie zufolge lehnen 56 % der Deutschen Sinti und Roma in ihrer Nachbarschaft ab, 60.4 % halten Sinti und Roma für grundsätzlich kriminell. Die Zahlen sind in Ostdeutschland noch höher (60.3 % und 69.2 %).

Daniel Strauß: „Diese Zahlen sind erschreckend. Dahinter kann sich ein gewalttätiges Potential verbergen. Diese Zahlen zeigen auch, dass der Kampf gegen Antiziganismus noch lange nicht gewonnen ist, sondern intensiviert werden muss. Dieser Vorfall steht für die gewalttätige Rhetorik gegenüber Sinti und Roma, die im Europawahlkampf wieder vielerorts auf Wahlplakaten, nicht nur der NPD, zu erkennen war. Antiziganismus – das ist der Rassismus von nebenan“.

 

Die Äußerungen des italienischen Innenministers Salvini haben bereits wiederholt antiziganistische Stimmungen angeheizt. In der Ukraine kam es allein 2018 zu 11 pogromartigen Übergriffen auf Roma.

Romeo Franz, Abgeordneter im Europäischen Parlament, äußerte sich hierzu gegenüber dem VDSR-BW: „Antiziganismus ist eine Form des Rassismus, die leider zum großen Teil ignoriert wird. Dieser rassistisch motivierte Brandanschlag auf französische Bürger und Bürgerinnen mit Romno-Hintergrund, reiht sich ein in die Anschläge auf italienische Bürger und Bürgerinnen mit Romno-Hintergrund und auch auf kosovarische Roma im Kosovo. Die antiziganistischen Angriffe, die z.T. wie in der Ukraine tödlich endeten, mehren sich dramatisch. Wenn die Zivilgesellschaft, aber auch die Politik nicht endlich erkennt, dass Antiziganismus auch heute noch Menschenleben kosten kann, und besonders die Justiz nicht endlich für das Thema Antiziganismus sensibilisiert wird, werden Bürger und Bürgerinnen mit Romno-Hintergrund (Sinti, Roma, Manusch, …) aufgrund ihrer Minderheitenzugehörigkeit nicht nur in der Bundesrepublik, Italien, Bulgarien, sondern in ganz Europa in Angst leben müssen“.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart und die Kriminalpolizei bitten um Hinweise.

Pressemitteilungen der Polizei finden Sie hier:

– 27.05.2019: https://www.presseportal.de/blaulicht/pm/110979/4281720

– 05.06.2019: https://www.presseportal.de/blaulicht/pm/110979/4290030

Ihre Ansprechpartnerin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Chana Dischereit – Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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Ergänzendes Material:

Die Beratungsstelle für gleichberechtigte Teilhabe des VDSR-BW hat einen Anstieg von antiziganistischen Vorfällen vermerkt von 2017 (23 Fälle) auf 2018 (33 Fälle). Bei den antiziganistischen Vorfällen handelt es sich um multiple Diskriminierungen im Bereich Wohnen, Bildung, Arbeit und Soziales, wie beispielsweise Verstöße gegen das AGG. In diesen Fällen sind teilweise mehr als eine Person, häufig sogar ganze Familien, betroffen.

Die Beratungsstelle für Betroffene von rechter Gewalt in Baden-Württemberg LEUCHTLINIE meldet für 2019 eine weitere antiziganistische Straftat in Mannheim (für 2018 fünf Straftaten). Der Beratungsstelle für gleichberechtigte Teilhabe liegen für das Jahr 2019 noch keine Zahlen vor.

Bundesweite Zahlen: 2018 zählten die Behörden 63 antiziganistische Straftaten. 2017 waren es 41. Fast alle Delikte waren rechts motiviert. Antiziganistische Straftaten werden seit 2017 in der Statistik zur „Politisch Motivierten Kriminalität“ erfasst. Siehe: Bundesinnenministerium (2019): „Politisch Motivierte Kriminalität im Jahr 2018“, S. 6: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2019/pmk-2018.pdf?__blob=publicationFile&v=2#page=6

Siehe auch Mediendienst Integration: https://mediendienst-integration.de/desintegration/rassismus.html

Weitere Vergleichszahlen zu Berlin finden Sie bei Amaro Foro: http://amarodrom.de/sites/default/files/files/2018_AmaroForo_Bericht_Dokuprojekt%202017.pdf


 

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