AK Sinti/Roma und Kirchen

in Baden-Württemberg

Buch: Heiko Haumann: Die Akte Zilli Reichmann

Die Forschungsstelle Antiziganismus in Heidelberg lädt ein:  (Hier der Flyer)

"... wir möchten Sie ganz herzlich zur zweiten Veranstaltung der Forschungsstelle Antiziganismus einladen:
Am Montag , den 23. April 2018 um 18.15 Uhr
stellt der Historiker Prof. Dr. Heiko Haumann sein Buch
„Die Akte Zilli Reichmann. Zur Geschichte der Sinti im 20. Jahrhundert“ (S. Fischer)
vor, in dem er am Beispiel der Biografie der Mannheimer Holocaust-Überlebenden Zilli Reichmann (*1924) tiefe Einblicke in Lebenswelten deutscher Sinti im 20. Jahrhundert gibt.
Im Zentrum seines Buches steht die Verfolgung von Zilli Reichmann im Nationalsozialismus.

Haumann erzählt aber auch von Kontinuitäten der Dominanz vormaliger Täter und der Persistenz rassistischer Deutungsmuster nach 1945. Wie in anderen seiner Werke verknüpft er in „Die Akte Zilli Reichmann“ individuelle Lebenswelten mit übergeordneten strukturellen Faktoren, etwa dem Ausbau eines speziell gegen „Zigeuner“ gerichteten polizeilichen Apparats seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Auf diese Weise legt Haumann einerseits eine biografische und sehr persönliche Erzählung vor, andererseits eine vielschichtige Darstellung der Minderheitengeschichte und Ausgrenzungshistorie der deutschen Sinti.

Über Ihren Besuch der Veranstaltung im Hörsaal des Historischen Seminars freuen wir uns sehr."


Der Historiker Heiko Haumann gibt am Beispiel der Biografie von Zilli Reichmann (* 1924) tiefe Einblicke in Lebenswelten deutscher Sinti im 20. Jahrhundert. Bereits der Titel „Die Akte Zilli Reichmann“ verdeutlicht, wie sehr behördliche Verfügungen in das Leben der Minderheit eingriffen, deren Alltag von Stigmatisierung und polizeilicher Erfassung geprägt war.

Haumann bettet die Zeitzeugenaussagen seiner Protagonistin und weitere historische Quellen in den Forschungsstand zur Gesamtgeschichte der Sinti und Roma ein. Im Zentrum seines Buches steht die Verfolgung von Zilli Reichmann im Nationalsozialismus. Im Alter von 18 Jahren wurde sie mit ihrer Familie in das sog. „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau deportiert. Der Autor zeichnet ein ebenso differenziertes wie bedrückendes Bild der dort herrschenden Lebens- und Sterbebedingungen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem Beziehungsgeflecht zwischen den Häftlingen und deren individuellen Überlebensstrategien innerhalb der NS-Vernichtungsmaschinerie.

Wie in anderen seiner Werke, so verknüpft Haumann auch in „Die Akte Zilli Reichmann“ individuelle Lebenswelten mit übergeordneten strukturellen Faktoren, etwa dem Ausbau eines speziell gegen „Zigeuner“ gerichteten polizeilichen Apparats seit Beginn des 20. Jahrhunderts, dessen systematische Kontroll- und Erfassungstätigkeit zu den Voraussetzungen des nationalsozialistischen Völkermords an Sinti und Roma zählt. Auf diese Weise legt Haumann einerseits eine biografische und sehr persönliche Erzählung vor, andererseits eine vielschichtige Darstellung der Minderheitengeschichte und Ausgrenzungshistorie der deutschen Sinti.

An den Erinnerungen Reichmanns entlang erzählt Haumann auch von der fortgesetzten Diskriminierung der deutschen Sinti nach 1945 sowie von deren langem Kampf um politische und gesellschaftliche Anerkennung. Auf Grund der Dominanz der vormaligen Täter und der Persistenz rassistischer Deutungsmuster blieb das Leben der Minderheit im Nachkriegsdeutschland jahrzehntelang überschattet. So resümiert Andreas Wang in seiner Rezension in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 28. Februar 2017: Indem „Die Akte Zilli Reichmann“ unglaubliche Kontinuitäten aufzeige, werde sie „zu einer Anklageschrift“.

Zum Autor:
Prof. Dr. Heiko Haumann war von 1991 bis 2010 Professor für Osteuropäische und Neuere Allgemeine Geschichte am Historischen Seminar der Universität Basel. Zu seinen wichtigsten Buchveröffentlichungen zählen „Geschichte Russlands“ (1996), „Dracula. Leben und Legende“ (2011, Beck’sche Reihe) und die Biografie „Hermann Diamanski: Überleben in der Katastrophe. Eine deutsche Geschichte zwischen Auschwitz und Staatssicherheitsdienst“ (2011).